Brauchen Firmen noch Strategien?

Kürzlich wurde ich von einem Kunden gefragt, ob die Entwicklung von Strategien in der heutigen Zeit noch sinnvoll ist. Da sich Märkte, Technologien und Geschäftsmodelle immer schneller verändern, entzieht sich die klassische Basis für Strategieentwicklung oft, bevor eine Strategie fertig geschrieben ist.

Ist es in einem solchen Umfeld mit unvorhersehbaren, raschen Veränderungen noch sinnvoll, eine Planung zu erstellen, die bei Fertigstellung bereits obsolet ist?

Als Alternative könnte man sich einen agilen Planungsprozess vorstellen, in welchem sich ein Unternehmen im Sinne eines „evolutionären“ Prozesses selbst immer weiter verbessert. Im Vergleich kann sich ein 100 Meter Läufer einen detaillierten Trainingsplan zurechtlegen, welcher sich auf die wichtigen Wettkämpfe ausrichtet, oder aber kurzfristig die gerade erforderlichen Trainingseinheiten absolvieren, um jeden Tag ein bisschen schneller zu werden.

Die Eingangsfrage ist in der Tat nicht leicht zu beantworten. Gemäss „Duden“ ist Strategie ein „genauer Plan des eigenen Vorgehens, der dazu dient, ein militärisches, politisches, psychologisches, wirtschaftliches o.ä. Ziel zu erreichen…“ . Nach klassischen Strategiemodellen kann das Ziel auch als „Ambition“ verstanden werden und Elemente beinhalten wie den Eintritt in neue Märkte oder die Entwicklung von neuen Produkten. Die Ausformulierung der Ziele beruht klassisch auf einer Einschätzung der Marktsituation bzw. der Entwicklung des Umfeldes, um im zukünftigen Markt richtig aufgestellt zu sein. Der Weg dahin ist die Strategie, welche die Basis für die Entscheidungen und Massnahmen auf allen Ebenen des Unternehmens bilden sollte.

In einem sich rasch verändernden Umfeld mit grossen Unsicherheiten muss diese Art der Zielsetzung hinterfragt werden, bzw. müssten sich die Ziele sowie auch der Weg dahin ändern können, um die richtige Richtung zu behalten. Dies ist allerdings oft unvereinbar mit starren Planungszyklen, organisatorischer Stabilität und einer einfachen und klaren Kommunikation der strategischen Ziele. Die Frage, ob fixe Ziele und ein genauer, fixer Vorgehensplan noch sinnvoll sind, ist daher absolut berechtigt.

Umgekehrt hat die Alternative dazu auch seine Tücken. Ein 100 Meter Läufer verpasst unter Umständen den Podestplatz an einem wichtigen Wettkampf, wenn er sich nur inkrementell verbessert und nicht auf Peaks hinarbeitet. Genauso kann ein Unternehmen durchaus lange in eine falsche Richtung laufen, wenn nur „evolutionäre“ Optimierungen vorgenommen werden. Ein rein evolutionärer Ansatz versagt auch in einem sich dramatisch verändernden Umfeld, auch wenn die Veränderung vorhersehbar gewesen wäre. Mit diesem Ansatz wird ein Unternehmen zum Spielball des Zufalls, was in manchen Situationen gut ausgeht – in vielen anderen jedoch auch nicht.  

Die Lösung des Dilemmas kann auf zwei Ebenen gesucht werden. Einerseits muss definitiv von einem passiven Strategieverständnis Abschied genommen werden, welches sich auf ein gegebenes Umfeld ausrichtet, in dem die Konkurrenten mit tieferen Preisen oder besserer Qualität aus dem Feld geschlagen werden. Eine aktive Vorgehensweise sollte auch beinhalten, dass die Regeln selber geschrieben oder beeinflusst, neue Modelle selbst kreiert und Trends aktiv mitentwickelt werden können. Die Ziele sollten sich entsprechend stärker nach einem pro-aktiv gesteigerten Kundennutzen als dem Schlagen der Konkurrenz ausrichten. So kann man sich zumindest teilweise der Abhängigkeit von einem unberechenbaren Umfeld entziehen.

Auf der zweiten Ebene sollte die erforderliche Flexibilität und Resilienz in die Strategie und deren Umsetzung über die Organisation und Prozesse eingebaut werden. Dies ist z.B. mit einer Kaskadierung der Zeiträume und Überprüfungshäufigkeiten von der Vision runter bis zur Umsetzung von einzelnen Massnahmen möglich. Mit einem solchen Ansatz kann rasch auf Veränderungen reagiert werden, und die Geschicke selbst in der Hand behalten werden.

Welcher Ansatz gewählt wird, ob man sich auf „klassische“ Strategiemodelle oder pro-aktivere Ansätze stützt, oder mit einem kurzfristigen Planungsprozess begnügt, ist wie immer stark vom Unternehmen, der Branche und vielen individuellen Faktoren abhängig. Ein vollständiger Strategieverzicht ist sicher nicht zu empfehlen, eine Anpassung der Methodik, der Zyklen und die Schaffung strategischer Resilienz hingegen schon.

 

Frank Brechlin
frank@brechlinconsulting.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.